Situation
Seit einigen Wochen postet der Instagram-Account eines Klosters einmal pro Woche einen Segensspruch. Montags, morgens um sechs. 365 Sprüche liegen im Vorrat, als PNG-Karten, thematisch breit: Ermutigung, Gottvertrauen, Humor, Gemeinschaft. Ein Make.com-Szenario zieht sie aus der Dropbox, merkt sich über einen Data Store, welche schon dran waren, und postet den nächsten. Kein Mensch drückt auf „Veröffentlichen“. Und niemandem fällt es auf.
Das ist der Punkt, an dem ich ins Grübeln komme.
Prompt
Schreib einen Blogpost darüber, was es bedeutet, wenn ein Segen durch eine Maschine geht. Nicht naiv-technikkritisch. Auch nicht euphorisch. Eher: genau hinschauen. Der Kontext ist ein Kloster, das automatisiert Segenssprüche auf Instagram postet. Die Frage ist, ob der Segen dadurch weniger wird – oder ob er überhaupt nur anders reist als früher.
Output
Der Segen, der durch die Leitung ging
Ein Segensspruch ist eigentlich eine einfache Sache. Jemand meint es gut mit jemandem, spricht oder schreibt ein paar Worte, und übergibt sie. Von Mensch zu Mensch, traditionell. Mit Handauflegen, mit Blickkontakt. Der Segen ist dabei nie nur der Text – er ist auch der Moment, die Geste, die Präsenz.
Und jetzt das: Ein Kloster postet seit Wochen einmal die Woche einen Segensspruch auf Instagram. Montags um sechs. Ausgelöst nicht von einer Schwester, die aufsteht und den Laptop hochfährt, sondern von einem kleinen Automaten namens Make.com. Der zieht eine Karte aus einem Ordner, merkt sich, welche schon dran war, und schickt sie los. Die Schwestern sind auf dem Weg zum Gebet. Der Segen ist schon unterwegs.
Die erste, reflexhafte Reaktion lautet: Das ist doch nicht mehr echt. Ein Segen ohne Absender, eine Geste ohne Geste, ein Wort, das niemand ausspricht. Der Automat segnet, nicht der Mensch.
Aber so einfach ist es nicht.
Denn wer genau hinsieht, merkt: Der Mensch ist sehr wohl dabei. Er hat die 365 Sprüche geschrieben oder ausgewählt. Er hat sich Gedanken gemacht, welche Themen morgens passen, welche nicht. Er hat entschieden, dass es keine weekday-spezifischen Sprüche sein sollen, weil Menschen auch samstags einen Segen brauchen können. Er hat die Karten gestaltet, die Farben gewählt, die Typografie. Und dann hat er losgelassen.
Die Automatisierung ist nicht das Gegenteil des Segens. Sie ist seine Verlängerung.
Das ist eigentlich ein sehr altes Prinzip. Mönche haben Gebetsmühlen benutzt, damit Gebete auch dann in die Welt gehen, wenn der Mönch gerade Holz hackt. Klöster haben Glocken geläutet, die ganze Täler zur Andacht riefen, ohne dass jemand von Haus zu Haus laufen musste. Druckerpressen haben Bibeln vervielfältigt, ohne dass Mönche sie einzeln abschreiben mussten. Jede dieser Technologien war, als sie neu war, der Verdacht wert, den Glauben zu verwässern. Und jede ist heute selbstverständlich.
Make.com ist die Gebetsmühle des 21. Jahrhunderts.
Ein Mechanismus, der einen menschlichen Akt – Segnen wollen – über die Grenzen der menschlichen Verfügbarkeit hinaus trägt. Niemand verlangt vom Kloster, dass jemand jeden Morgen um sechs aufsteht, um ein Foto hochzuladen. Und niemand sollte sich wundern, wenn das Kloster Werkzeuge nutzt, die es nicht muss.
Was übrigens auffällig ist: Es fällt niemandem auf. Keiner der Follower beschwert sich, dass da keine Schwester hinter dem Post sitzt. Die Segenswirkung tritt ein, oder sie tritt nicht ein – aber sie hängt nicht daran, ob der Absender in diesem Moment wach war.
Vielleicht ist der Segen robuster, als wir denken.
Vielleicht ist die Automatisierung nicht die Entzauberung, sondern das Gegenteil: der Beweis, dass die Worte trotzdem wirken. Dass das Wesentliche im Spruch selbst liegt, nicht in der Hand, die ihn sendet.
Und vielleicht – das ist die eigentlich schöne Wendung – ist der Automat nicht der Ersatz für den Menschen, sondern sein Assistent. Er nimmt ihm ab, was abgenommen werden kann, und lässt ihm, was nur er tun kann: die Sprüche überhaupt erst zu schreiben, auszuwählen, zu meinen.
Der Segen geht durch die Leitung. Aber er kommt aus einem Herzen. Das ist dieselbe Konstellation wie immer. Nur der Kanal ist neu.
Randnotiz: Die Schwestern wissen, dass ich das automatisiert habe. Sie finden es gut. Wir haben kurz darüber nachgedacht, ob wir es kenntlich machen sollen. Haben uns dagegen entschieden. Der Segen soll wirken, nicht erklärt werden.



