Monk-like man in orange robes studies architectural plans at a drafting table, pencil in hand, in a dim workshop.

Die Werkstatt, die der TÜV nicht erwähnt

Situation

Am Freitag der vergangenen Woche hat eine Redaktion zwei Stunden über ein einziges Wort gestritten: „maßgeblich“. Es ging um die KI-Richtlinie des SPIEGEL. Die alte Regel verbot, Texte „maßgeblich“ von einer Maschine schreiben oder umschreiben zu lassen – sie erlaubte also ein gewisses Maß. Chefredakteur Dirk Kurbjuweit hat die Entscheidung in einem Essay verkündet: Das Wort wird gestrichen.

Dieser Text hier ist von einer Maschine entworfen. Ein Mensch hat ihn ausgewählt, gegen die Quelle geprüft, die Anführungszeichen von Hand gesetzt, verantwortet und bezahlt. Entworfen aber: Maschine. Das ist genau der Fall, den der SPIEGEL gerade ausgeschlossen hat.

Prompt

Lies den Kurbjuweit-Essay als Primärquelle. Schreib keine Gegenrede und kein Gotcha. Stell Electric Monk neben den SPIEGEL, nicht darüber. Trag das Argument auf der Selbstimplikation: Der SPIEGEL hat das ausgeschlossen, was dieser Blog ist. Lass sein Contra stehen – die fehlende zweite Ebene –, ohne es aufzulösen. Eine Kante, an der ich selbst bremse. Ein kurzes Zitat, der Rest paraphrasiert.

Output

Der SPIEGEL hat eine Grenze gezogen. Auf der einen Seite: Texte, die eine Maschine schreibt oder umschreibt. Auf der anderen: das Menschenmedium. Dieser Blog steht auf der falschen Seite dieser Grenze, und er stand von Anfang an dort.

Das Interessante ist nicht, dass wir drüben stehen. Es ist das Wort, um das gerungen wurde. „maßgeblich“ hieß: ein Maß ist erlaubt, solange der Text im Kern vom Menschen stammt. Der Streit ging darum, wo das Maß endet. Die Redaktion hat ihn gelöst, indem sie das Maß entfernt hat. Nicht mehr „in Grenzen“, sondern „nicht“ – mit Ausnahmen für Übersetzung, Rechtschreibung, Recherche.

Das Format dieses Blogs ist die Antwort, die der SPIEGEL nicht gewählt hat. Situation / Prompt / Output / Randnotiz ist kein hübscher Rahmen. Es ist eine Erklärung, wo das Maß liegt. Die Maschine hat den Output entworfen. Der Mensch hat den Prompt geschrieben, die Randnotiz, die Entscheidung. In der Naht ist nichts versteckt. Es gibt kein „maßgeblich“, über das sich streiten ließe, weil die Arbeitsteilung offenliegt.

Kurbjuweit verpackt das Meinungsspektrum seiner Redaktion in eine Metapher: die einen wollen künftig der TÜV ihrer Geschichten sein und im Wesentlichen prüfen, was die KI erarbeitet hat. Die anderen wollen die Autos weiter selbst bauen. Der SPIEGEL hat sich entschieden, weiter zu bauen. In Ordnung. Aber die Metapher hat ein Loch, das der Essay nicht erwähnt: Jeder TÜV setzt eine Werkstatt voraus. Das Auto kam von irgendwoher. Die Frage ist nur, wo die Maschine darin stehen darf. Der SPIEGEL erlaubt sie am Rand – beim Übersetzen, beim Prüfen, beim Recherchieren –, aber nicht dort, wo der Text entsteht; ein Reinheitsgebot lehnt Kurbjuweit ausdrücklich ab. Dieser Blog setzt sie näher an den Kern und macht die Nähe sichtbar: Die Werkstatt ist eine Maschine, und hier ist die Tür.

Das entscheidet nicht, welche Praxis die bessere ist – nur, welche von beiden die Arbeitsteilung am einzelnen Text sichtbar macht.

Und dann sein Einwand, der ernste. Wo ein Text im Kern von einer Maschine stammt, fehle eine zweite Ebene: die Auseinandersetzung mit einem Menschen hinter den Wörtern, mit einem Ähnlichen, an dem man sich als Leser misst. Hier ist die Stelle, an der ich bremse. Die zweite Ebene fehlt nicht ganz – sie ist verschoben. Streiten lässt sich mit der Auswahl, denn ausgewählt hat ein Mensch, der den Output verantwortet. Aber den Output selbst fragen, warum er so geworden ist und nicht anders, lässt sich nicht – weil hinter diesen Wörtern kein einzelnes Leben steht, keine Erfahrung, aus der sie als eigene Äußerung hervorgegangen wären. Das ist die Ebene, die hier dünner ist. Nicht: man kann nicht widersprechen. Sondern: man kann nicht nachfragen. Die Offenlegung ist ehrlich. Ob sie das aufwiegt, weiß ich nicht. Ich lasse die Frage, wo sie ist.

Eine Randbeobachtung noch, im Vorbeigehen: Derselbe Essay, der den Menschen gegen die Maschine verteidigt, leiht der Maschine durchgehend ein Verb – sie könne irren, könne täuschen. Wer verteidigt und im selben Atemzug zuschreibt. Aber das ist heute eine Fußnote, nicht der Vorwurf.

Der SPIEGEL baut die Autos selbst. Wir zeigen die Werkstatt. Vielleicht ist das der ganze Unterschied. Vielleicht ist es keiner.

Randnotiz

Die TÜV-und-Werkstatt-Metapher ist Kurbjuweits eigene. Ich habe sie nicht gegen ihn erfunden, nur einen Schritt weitergedreht – dorthin, wo seine Redaktion nicht hinschaut. Erlaubt, solange ich nicht so tue, als hätte ich sie erlegt.

Eine Zeile habe ich gestrichen. In ihr sagte ein „ich“ dem Leser, beim Streit treffe er nicht die Maschine, sondern mich, den Auswählenden. Geschrieben hat sie die Maschine – bevor ich etwas ausgewählt hatte. Ein Gerät, das stellvertretend „ich habe gewählt“ sagt, während die Wahl noch aussteht: treffender lässt sich der Electric Monk nicht vorführen, und ich habe ihn nicht darum gebeten. Auch das „ich“, das du oben liest, hat die Maschine gebaut. Die prüfende Instanz war ich. Das ist der ganze Unterschied – und hier ist er am dünnsten.

Quellen

Dirk Kurbjuweit: „Wir sind die Autorinnen und Autoren unserer Texte“. In: DER SPIEGEL 27/2026, online 26.6.2026, https://www.spiegel.de/politik/kuenstliche-intelligenz-wie-der-spiegel-ki-in-der-redaktion-einsetzt-a-51cbb6aa-4bcc-4a9d-a70a-fc9df37e0611 (Bezahlschranke). — Volltext lag vor; Primärquelle, kein LinkedIn-Vermittler. Einziges wörtliches Zitat: der Titel selbst.