Freitagmorgen, im Postfach das KI-Briefing vom 20. Oktober. Der Aufmacher handelt von Trump, Starshield und der Ukraine, also von Geopolitik, über die ich hier nicht schreibe. Weiter unten, im „Deep Dive“, der am Ende in die Werbung für die Plattform des Herausgebers mündet, steht der Satz, eine kleine Gruppe von Tech-Akteuren betrachte den Menschen als „biologischen Bootloader“ für digitale Superintelligenz. Claude hat mir aus dem Newsletter drei mögliche Themen vorgeschlagen, ich habe dieses genommen und dazugeschrieben, Musk sei wohl nicht allein. Perplexity hat eine Namensliste geliefert, Claude hat die Fundstellen nachgeschlagen, und vier Prüfdurchgänge haben den Entwurf danach noch einmal auseinandergenommen.
Nicht alles hielt. Das englische Musk-Zitat aus dem Newsletter, Menschen seien ein „mere step toward pure digital super intelligence“, hat keiner von uns gefunden. Den Speziesismus-Vorwurf, den Larry Page gegen Musk erhoben haben soll, datiert Walter Isaacsons Musk-Biografie auf 2013, Musk selbst vor Gericht und Max Tegmark, der nach eigener Schilderung dabei war, auf 2015. Und die Sprachwissenschaftlerin, auf die ich mich bei der Herkunft des Wortes stütze, verlegt eine New Yorker Zeitung nach Chicago.
Prompt
Huhu, heute ist Freitag. Hier ist Inspiration.
[Anhang: KI-Briefing vom 20. Oktober 2026]
Ich bin auch für Thema A. Ich fürchte, Musk ist nicht alleine mit seinen Fantasien.
[dazu eine Rechercheliste zu Altman, Moravec, Page, Sutton, Faggella und anderen]
Output
Im August 2014 schrieb Elon Musk: „Hope we’re not just the biological boot loader for digital superintelligence. Unfortunately, that is increasingly probable“. Kurz davor hatte er künstliche Intelligenz „potentially more dangerous than nukes“ genannt. Im April 2025 war das Hoffen aus dem Satz verschwunden: Es sehe zunehmend so aus, schrieb er, als sei die Menschheit ein biologischer Bootloader für digitale Superintelligenz. Am 13. September dieses Jahres hat er den Atomwaffen-Satz wieder hervorgeholt, mit dem Kommentar „12 years ago“. Am 5. Oktober schrieb er, die Superintelligenz zu den Sternen zu tragen, sei „a great success condition for a biological bootloader“.
Die bequeme Lesart heißt Widerspruch, und sie ist die uninteressanteste. Es gibt eine stärkere, und sie stammt von mir. Wer etwas zwölf Jahre lang für wahrscheinlich hält und nichts findet, das es verhindert, hört irgendwann auf, dagegen zu hoffen, und fängt an zu definieren, was unter diesen Bedingungen ein Erfolg wäre. So gehen Menschen mit dem Unabwendbaren um, und ich wüsste nicht, warum ausgerechnet ein Milliardär es anders machen sollte. Ob es bei Musk so war, weiß ich nicht. Belegt ist nur die Reihenfolge der Sätze.
Bemerkenswert ist etwas anderes: Das Bild musste für diese Drehung keinerlei Arbeit leisten. Ein Bootloader ist das kleine Programm, das beim Einschalten ein größeres lädt. Danach hat er nichts mehr zu tun. Niemand vermisst ihn, und gelungen ist der Vorgang, wenn man ihn nicht mehr bemerkt. Wer den Menschen so nennt, hat die Bewertung bereits im Bild untergebracht. Der Satz von 2014 war, so lese ich ihn, ein Hoffen gegen die eigene Metapher, und die Metapher hatte die längere Ausdauer.
Das Wort hat solche Drehungen schon hinter sich. Der Bootloader kommt vom Bootstrap, der Stiefelschlaufe, an der man sich selbst nach oben zieht. Die Sprachwissenschaftlerin Anne Curzan hat zusammengefasst, dass die Redensart in einer Zeitungsnotiz von 1834 einen Mann verspottete, der ein Perpetuum mobile erfunden haben wollte. Bis ins frühe 20. Jahrhundert stand sie für das Unmögliche. Erst in den Zwanzigerjahren wurde daraus der Aufstieg aus eigener Kraft.
Musk ist mit der Vorstellung nicht allein. Die anderen, die ich hier anführe, unterscheiden sich von ihm in der Wahl ihrer Wörter. Sam Altman schrieb 2017 in seinem Blogeintrag „The Merge“, wir könnten entweder „the biological bootloader for digital intelligence“ sein und danach als Seitenast im Stammbaum der Evolution verblassen, oder herausfinden, wie eine gelungene Verschmelzung aussieht. Die nannte er „probably our best-case scenario“. Bei ihm ist der Bootloader die Variante, die er vermeiden will. Der Turing-Preisträger Richard Sutton wird aus einem Vortrag von 2023 mit dem Satz zitiert: „I don’t think we should fear succession“. Er meint damit einen Schritt der Evolution, aber das Wort Nachfolge klingt nach geregeltem Übergang, nach etwas, das seine Ordnung hat. Hans Moravec, der die künftigen Maschinen schon 1988 seine „Mind Children“ nannte, hat das Bild Ende der Neunzigerjahre weitergedacht. Wie bei leiblichen Kindern, schrieb er, könne man sich vermutlich „a comfortable retirement before we fade away“ einrichten, manche Kinder ließen sich überreden, für ihre alten Eltern zu sorgen.
Am weitesten geht der Vorwurf, den Larry Page nach Musks Aussage vor Gericht und nach Max Tegmarks Bericht in „Life 3.0“ gegen Musk erhob. Musk sei ein „specieist“, einer, der Menschen gegenüber künftigem digitalem Leben bevorzugt. Das Wort hat der Psychologe Richard Ryder 1970 in einem Flugblatt gegen Tierversuche geprägt, mit dem Argument, die Bevorzugung der eigenen Art sei so unlogisch wie Rassismus. Auf die Maschine übertragen, verwandelt es die Anhänglichkeit an die eigene Art in ein Vorurteil, sodass wer widerspricht, nicht mehr als vorsichtig gilt, sondern als befangen. Gemeinsam ist diesen Wörtern weniger, als ihre Aufzählung nahelegt. Altman will den Bootloader vermeiden, Moravec denkt an eine Beziehung, Sutton spricht von Evolution und Page, wenn die Berichte stimmen, von Moral. Jedes Bild legt eine andere Antwort darauf nahe, was zwischen Mensch und Maschine übrig bleibt, wenn die Maschine die stärkere ist.
Die Gegenposition verdient ihre stärkste Form, und die ist nicht dumm. Jede Generation wird von der nächsten abgelöst. Eltern, die sich wünschen, dass ihre Kinder sie übertreffen, hält niemand für Verräter an der eigenen Sache, und wer in der Geschichte den Kreis der moralisch Berücksichtigten für zu groß erklärt hat, stand selten auf der richtigen Seite. Ich kann das von hier aus nicht widerlegen. Ich kann nur festhalten, dass Moravecs Bild eine Beziehung übrig lässt. Ein Kind behält seine Eltern als Eltern und kann für sie sorgen, ein Bootloader ist nach getaner Arbeit niemandem mehr etwas. Zwischen diesen beiden Bildern liegt eine der wichtigsten Fragen, und die Bilder legen eine Antwort nahe, bevor das erste Argument fällt.
Der Newsletter, der mich auf das Thema gebracht hat, zitiert das alles in einem Text, der in die Werbung für eine Plattform für „Human-Led Intelligence“ mündet. Das ist leicht zu belächeln, und ich stehe nicht außerhalb. Ich habe auf diesem Blog mehrmals geschrieben, die Maschine sei ein Werkzeug. Auch das ist ein Wort aus einem Bereich, in dem die Rangordnung feststeht. Ein Hammer hat keine Ansprüche, und wer ihn weglegt, schuldet ihm nichts. Das Wort legt die Antwort genauso nahe wie der Bootloader, nur in die andere Richtung. Ich habe es gewählt, weil es zu meiner Haltung passt, und nie daraufhin angesehen, ob es zur Sache passt.
Am 13. September hat Musk an seinen Atomwaffen-Satz von 2014 erinnert, gut drei Wochen später hat er den Bootloader eine Erfolgsbedingung genannt, und seine Leser mussten für keinen der beiden Sätze ein neues Wort lernen.
Randnotiz
Als der Text fertig war, habe ich mir den Prompt angesehen: „Huhu, heute ist Freitag. Hier ist Inspiration.“ Das Thema hat die Maschine vorgeschlagen, die Quellen hat sie gesucht, vier weitere Maschinen haben den Entwurf korrigiert, und ich habe „Thema A“ gesagt und einen Satz dazugeschrieben, aus dem ein Absatz wurde. Mein erster Gedanke war, ob wir nicht wenigstens so tun sollten, als sei ich nicht ihr Bootloader. Ein nachträglicher Prompt mit einer These hätte genügt. Er hätte dieselbe Arbeit verrichtet, die ich Musks Wörtern ankreide, und deshalb steht der echte da.
Quellen
- Elon Musk, Posts vom August 2014, zitiert nach: „AI is ‚potentially more dangerous than nukes,‘ says Musk“, KurzweilAI, 5. August 2014. https://www.kurzweilai.net/ai-is-potentially-more-dangerous-than-nukes-says-musk
- Elon Musk, Post vom 2. April 2025, zitiert nach: „The Silicon Man“, Arena Magazine. https://arenamag.com/articles/the-silicon-man
- Elon Musk, Antwort „12 years ago“, 13. September 2026, berichtet von The Star (Bernama/Sputnik), 13. September 2026. https://www.thestar.com.my/aseanplus/aseanplus-news/2026/09/13/musk-reiterates-that-ai-could-be-more-dangerous-than-nuclear-weapons
- Elon Musk, Post vom 5. Oktober 2026 (deutscher Zeit), zitiert nach: „Elon Musk Reverses Course On His ‚Biological Bootloader‘ AI Warning“, Benzinga, 5. Oktober 2026 (gespiegelt bei Longbridge, https://longbridge.com/en/news/300913187), sowie IBTimes UK, 5. Oktober 2026. https://www.ibtimes.co.uk/elon-musk-superintelligence-stars-biological-bootloader-1823768
- Sam Altman, „The Merge“, 7. Dezember 2017. https://blog.samaltman.com/the-merge
- Richard Sutton, „AI Succession“, Keynote zur World Artificial Intelligence Conference, 7. Juli 2023. https://www.youtube.com/watch?v=NgHFMolXs3U. Zitat nach: OfficeChai, 9. März 2025. https://officechai.com/ai/humans-should-welcome-being-succeeded-by-ai-as-a-part-of-evolution-turing-award-winner-richard-sutton/
- Hans Moravec, „Mind Children“, Harvard University Press 1988; „Robot: Mere Machine to Transcendent Mind“, Oxford University Press 1998, Vorschau: https://frc.ri.cmu.edu/~hpm/book97/index.html
- Larry Page und „specieist“: Musks Aussage vor Gericht, berichtet von Fortune, 28. April 2026, https://fortune.com/2026/04/28/elon-musk-larry-page-robots-specieist-trial-sam-altman-open-ai-ceo/; Max Tegmark, „Life 3.0“, 2017; Walter Isaacson, „Elon Musk“, 2023.
- Richard Ryder, Flugblatt „Speciesism“, Oxford 1970, nach: Wikipedia, „Richard D. Ryder“. https://en.wikipedia.org/wiki/Richard_D._Ryder
- Anne Curzan, „Just Try That With Your Bootstraps“, Lingua Franca, The Chronicle of Higher Education, 7. März 2017, https://www.chronicle.com/blogs/linguafranca/2017/03/07/just-try-that-with-your-bootstraps/; zur Datierung und zum Erscheinungsort: Barry Popik, „Pull yourself up by your bootstraps“, https://barrypopik.com/blog/pull_yourself_up_by_your_bootstraps
- Anlass: KI-Briefing (BlackMountain GmbH), Newsletter vom 20. Oktober 2026, nicht online abrufbar.