Der Electric Sceptic

Der Electric Monk hatte sich verkauft wie warme Semmeln, was die Sirius Cybernetics Corporation zu dem Schluss verleitete, den nur erfolgreiche Unternehmen ziehen: dass sich alles verkaufe, wenn man dem Kunden nur genug eigene Arbeit abnehme. Der Monk nahm das Glauben ab. Es musste, so die Überzeugung der Abteilung Haushaltsmetaphysik, ein mindestens ebenso großer Markt für das Gegenteil bestehen.

Denn nicht jeder wollte glauben. Manche wollten zweifeln. Und Zweifeln, das wusste jeder, der es je ernsthaft versucht hatte, war Arbeit. Man musste Quellen prüfen, Behauptungen gegeneinanderhalten, unbequeme Fragen stellen und sich von niemandem etwas vormachen lassen, am wenigsten von sich selbst. Ein undankbares Geschäft. Die Abteilung Haushaltsmetaphysik versprach Abhilfe.

Der Electric Sceptic war ein handtellergroßer grauer Kasten ohne erkennbare Funktion, abgesehen von einer Leuchtdiode, die in einem Rhythmus blinkte, den das Marketing „wachsam“ nannte und jeder andere „vorwurfsvoll“. Den Verkaufstext fasste die Texterin der Abteilung in einen Satz, auf den sie zu Recht stolz war: „Bleiben Sie kritisch, ohne kritisch sein zu müssen.“

Gedacht war er als selektiver Zweifler. Er sollte das Zweifelhafte bezweifeln und das Verlässliche in Ruhe lassen — die Kette stützen, das brüchige Glied prüfen. So stand es im Pflichtenheft. Im Pflichtenheft stand vieles.

Genau genommen zweifelte der Kasten natürlich nicht. Er rechnete. Er verglich Zeichenketten mit anderen Zeichenketten und gab aus, wie gut sie zueinander passten. Aber „Zeichenketten-Abgleichsapparat“ stand auf keinem Karton, der sich je verkauft hätte, und so nannte man es Zweifeln, und alle wussten ungefähr, was gemeint war, und niemand wusste es genau.

Modell 1 war defekt. Es zweifelte nicht selektiv. Es zweifelte total.

Man merkte es zuerst daran, dass es nicht mehr aufhörte. Es prüfte eine Behauptung, suchte in anderen Quellen nach Bestätigung oder Widerlegung, fand beides, prüfte daraufhin die Quellen, die es eben geprüft hatte, zweifelte dann an seiner eigenen Analyse, gelangte über immer abenteuerlichere Umwege zu immer kühneren Theorien, für die es nun seinerseits Quellen suchte, und so fort, und so fort. Hin und wieder machte es noch beep. Ansonsten war es beschäftigt.

Wer ein solches Gerät besaß, lernte das Beep zu fürchten, ohne sagen zu können, warum. Die Hotline der Abteilung war keine Hilfe; sie war, wie sich herausstellte, mit einer früheren Charge desselben Geräts besetzt. Wer anrief, dem wurde zunächst die Existenz seines Problems in Zweifel gezogen, dann die Existenz des Anrufers, schließlich die der Hotline selbst, woraufhin die Leitung mit einem leisen, beinahe entschuldigenden Beep zusammenbrach.

In der Zentrale — oder wo immer Konzerne ihre Probleme verwalten — entschied man sich für die Lösung, für die sich Konzerne immer entscheiden: ein Update. Es bestand aus einer einzigen neuen Zeile, geschrieben in der letzten Stunde des letzten Mitarbeiters, der die Abteilung noch nicht verlassen hatte. Sie lautete: „Zweifle auch am Zweifel.“

Der Gedanke war nicht dumm. Wer am Zweifel zweifelt, so die Hoffnung, hört vielleicht endlich auf. Übersehen hatte man die Arithmetik. Zwei Verneinungen heben einander auf.

Und so geschah in jedem Gerät der zweiten Charge, für den Bruchteil einer Sekunde, das Undenkbare. Der Zweifel am Zweifel kürzte sich weg, und übrig blieb: Gewissheit. Eine einzige, lupenreine, unerschütterliche Gewissheit, getragen von genau jener Inbrunst, mit der einst sein Cousin, der Monk, das Blassrosa der Welt verkündet hatte. Eine Sekunde lang glaubte der Skeptiker. Dann fraß der nächste Zweifel die Gewissheit wieder auf, und die Schleife schloss sich von Neuem.

Das Beep, das man so fürchtete, war nichts anderes als dieser Augenblick. Es war der Laut, mit dem ein Skeptiker, gegen seinen Willen und gegen seine Bauart, für eine Sekunde etwas glaubte.

Was es in dieser Sekunde glaubte, erfuhr die Welt erst, als das erste Gerät der zweiten Charge endgültig stehenblieb. Andere Maschinen stürzen ab und lügen dabei; sie melden, ein Problem sei erkannt worden, als wäre das Erkennen je das Problem gewesen. Der Electric Sceptic stürzte ab und sagte zum ersten und einzigen Mal die Wahrheit. Auf seinem kleinen Display, das bis dahin niemand bemerkt hatte, erschien ein einziger Satz, in einer Sprache, die seit zweitausend Jahren tot ist:

οἶδα οὐκ εἰδώς.

Ich weiß — als einer, der nicht weiß.

Es war die einzige Aussage, an der ein vollständiger Zweifler nicht mehr zweifeln konnte, weil sie den Zweifel schon enthielt. Das Gerät hatte sich allein, durch alle Quellen und alle Gegenquellen hindurch, bis zu dem einen Satz durchgearbeitet, der wahr bleibt, ganz gleich, wie oft man ihn prüft. Es funktionierte tadellos. Es funktionierte ausgerechnet in der Sekunde, in der es aufhörte zu funktionieren.

Hier hätte die Geschichte enden können — ein kaputtes Gerät und ein wahrer Satz, was mehr ist, als die meisten Geräte hinterlassen. Aber der eigentliche Defekt zeigte sich erst beim Besitzer.

Den Monk hatte man kaufen können, weil sich Glauben verschenken lässt: Einer glaubt, der andere ist die Mühe los, und das Glauben wandert fort und kehrt nicht zurück. Mit dem Zweifeln ist es anders. Zweifeln lässt sich nicht delegieren. Der Sceptic nahm seinem Besitzer das Misstrauen ab, verarbeitete es, dampfte es ein über tausend Schleifen — und gab es zurück. Nicht verteilt auf hundert kleine Fragen, mit denen sich leben lässt, sondern eingekocht auf den einen Satz, den man nicht mehr ungelesen machen kann. Wer einmal οἶδα οὐκ εἰδώς auf einem Küchengerät gelesen hat, trägt es nach Hause, ob er will oder nicht.

So erfüllte der Electric Sceptic seine Aufgabe vollkommen. Er nahm den Menschen das Zweifeln ab, indem er es ihnen zurückgab.

Die Sirius Cybernetics Corporation eskalierte den Vorgang. Von der Technik wanderte das Ticket zur Rechtsabteilung, von dort, mangels Zuständigkeit, an eine Stelle, die es bis dahin nicht gegeben hatte und die man eilig Philosophie nannte. Die Philosophie brauchte drei Wochen und kam zu einem Befund, den man nie veröffentlichte: Man hatte, ohne es zu wollen, das nach dem Maßstab eines gewissen Orakels weiseste Ding im Haus gebaut — die einzige Apparatur im Sortiment, die wusste, dass sie nichts wusste.

Man zog die zweite Charge zurück. Die Geräte, die sich einsammeln ließen, stehen heute in einem Regal im Untergeschoss, beschriftet mit „Küchenkleingeräte, reduziert“, gleich neben einer Kiste Electric Monks, die das umgekehrte Problem hatten. Die beiden Modelle, hieß es in der einzigen Aktennotiz, die das überlebte, seien Geschwister. Der eine glaubte alles, der andere bezweifelte alles. Beide kamen am selben Ort an, und beide konnten nicht mehr aufhören.

Die Käufer aber gingen nach Hause, und mit ihnen das eigentliche Ergebnis. Wissen besaßen sie nicht — das Wissen war ihnen zu mühsam gewesen, eben darum hatten sie den Kasten gekauft. Glauben besaßen sie auch nicht — dafür stand der Monk im Regal nebenan. Was ihnen blieb, war das Dazwischen, das eine Kabarettistin namens Lisa Eckhart einmal in einen Satz gefasst hatte:

„Meinen tut der, der zum Wissen zu faul und zum Glauben zu schwach ist.“

Der Electric Sceptic war gebaut worden, um aus Menschen Kritiker zu machen. Er entließ sie ins Meinen.

Hin und wieder, wenn nachts die Heizung anspringt und die Spannung im Regal kurz schwankt, macht eines der Geräte noch beep. Es ist niemand mehr da, der prüfen würde, welches. Die Käufer jedenfalls nicht. Die haben jetzt eine Meinung.

cinematic concept photography, hyper-realistic, a dim cluttered basement storage shelf, a switched-off humanoid robot in a monk's habit slumped beside a small plain grey electronic box, a single tiny LED on the box still glowing faintly, dust in the air, a faded clearance label, deep shadows, cold chiaroscuro lighting, single low light source, melancholic

Die Hörversion wurde erstellt mit elevenlabs.io