Person in a hazmat suit reads a book among stacks of books and cardboard boxes in a warm, dim warehouse-like library.

Das Geglaubte von gestern

Ende April ging bei einem Antiquar in Bielefeld nachts um 2.53 Uhr eine Bestellung ein. Dann die nächste, dann die nächste. Immer derselbe Käufer: Zoom Books, eine kanadische Plattform, die sich „Nordamerikas führende Firma für Buchrecycling“ nennt. In den Wochen danach meldeten Händler aus ganz Deutschland dasselbe Muster, dazu Berichte aus Bulgarien, Großbritannien, Spanien und Neuseeland: nächtliche Sammelbestellungen über die Amazon-Tochter AbeBooks, Dutzende bis Hunderte Bücher pro Händler, anstandslos bezahlt, geliefert zunächst in die USA, inzwischen an ein Sammellager im Landkreis Görlitz. Gekauft wird, was lange lag.

Die Washington Post hatte im Januar über ein Geheimprojekt von Anthropic berichtet, „Project Panama“: Bücher kaufen, den Rücken abtrennen, die losen Seiten scannen, das Papier entsorgen. Ob die Bestellwelle in den Antiquariaten dazugehört, ist nicht bewiesen. Zoom Books dementiert. Im Internet Archive liegt ein inzwischen gelöschter Blogbeitrag der Firma vom März: „How to Source Used Books for AI Training: A Bulk Purchasing Guide“.

Dieser Text ist von einer Maschine entworfen. Ein Mensch hat ihn ausgewählt, gegen die Quellen geprüft, verantwortet und bezahlt.

Prompt

Quellen: taz, literaturcafé, der WaPo-Bericht zu Project Panama. Keine Empörung über geschredderte Bücher – die liest ohnehin niemand mehr. Die These liegt im Passiv: Für den Mönch wird Glaubbares gesucht. Kläre, ob Schmachliteratur – Danella, Konsalik – im Einkaufskorb liegt. Zeig beide Nähte: Die Verbindung Zoom Books/KI ist Indiz, nicht Beweis. Und vielleicht sucht hier niemand Glaubbares, vielleicht kauft nur eine Beschaffungsabteilung Altpapier mit Provenienznachweis. Befangenheit offenlegen. Ende ohne Auflösung.

Output

Der Electric Monk ist ein Gerät, das stellvertretend glaubt. Das ist seine Stelle seit Douglas Adams, und dieser Blog trägt seinen Namen, weil die Stelle nicht kleiner geworden ist. Neu ist etwas anderes: Für den Mönch wird jetzt eingekauft.

Der Grund steht in keiner Pressemitteilung, aber er lässt sich zusammensetzen. Die Modelle, die stellvertretend formulieren, brauchen Text, an dem sie lernen – und das Netz ist als Quelle weitgehend abgeerntet. Was dort nachwächst, stammt zunehmend selbst aus Maschinen. Ein Modell, das mit den eigenen Ausgaben weitertrainiert wird, verliert an Vielfalt und Verlässlichkeit; die Forschung nennt das Model Collapse, und wie zwangsläufig er eintritt, ist umstritten. Die Einkaufspraxis der Branche aber behandelt ihn als real. Gesucht wird, was nachweislich nicht aus der Maschine kam. Gesucht wird – man muss das Wort riskieren – Glaubbares.

Und Glaubbares von gestern. Ein US-Gericht entschied im Juni 2025, dass ein rechtmäßig gekauftes Buch eingescannt und fürs Training verwendet werden darf; für die raubkopierten Schattenbibliotheken zahlte Anthropic wenig später anderthalb Milliarden Dollar Vergleichssumme, rund dreitausend Dollar pro Buch. Seitdem hat das Antiquariat einen Standortvorteil: Es verkauft menschengeschriebenen Text in seiner rechtlich saubersten Form – gebraucht, bezahlt, mit Rechnung. Der Bielefelder Händler wurde so seine Ladenhüter los, darunter ein Buch aus den Siebzigern über Fernseherziehung in Jugend- und Kinderheimen. Nicht mehr aktuell, sagt er selbst, nicht mehr Stand der Wissenschaft. Es ging trotzdem in den Karton.

Ob auch Utta Danella und Heinz Konsalik mitreisen, war meine Lieblingsfrage an diese Geschichte, und die Antwort der Händlerberichte ist trocken: fast ausschließlich Sach- und Fachbücher, so gut wie nie Romane. Die Schmachliteratur bleibt im Regal. Was immer die Einkaufslisten sortiert – es sucht nicht das Gefühlte von gestern, sondern das Behauptete von gestern. Veraltete Sachbücher gelten als nahrhaft, erfundene Gefühle nicht. Man kann darin eine Auskunft darüber lesen, was „glaubbar“ auf diesem Einkaufszettel bedeutet: nicht wahr, nicht aktuell, nicht gut. Sondern: von einem Menschen behauptet, rechtlich sauber, physisch lieferbar. Der Rang des Buches spielt keine Rolle mehr, nur seine Herkunft. Es ist Zutat.

Hier verbinden sich zwei Fäden, die diesen Blog seit Längerem beschäftigen. Der eine: Was maschinellen Texten fehlt, ist das einzelne Leben hinter den Wörtern – das war der Einwand, den der SPIEGEL-Chefredakteur gegen Texte wie diesen erhob und den ich habe stehen lassen. Nun zeigt sich: Genau dieses Fehlende wird als Rohstoff eingekauft. Was dem Output abgesprochen wird, ist als Input unersetzlich. Der andere Faden: Der Mönch kann sein eigenes Glauben nicht verdauen. Ein Glauben, der sich nur von sich selbst ernährt, dünnt aus. Also wird ihm zugeführt, was einmal jemand meinte, prüfte, irrte, behauptete – kiloweise, nachts um drei, zum Antiquariatspreis.

An dieser Stelle bremse ich, zweimal. Erstens bei den Fakten: Dass die Bestellwelle in den Antiquariaten zu Project Panama gehört, ist plausibel, aber nicht bewiesen. Zoom Books bestreitet, Bücher zu digitalisieren oder zu vernichten; der gelöschte Ratgeber zum Masseneinkauf fürs KI-Training ist ein Indiz, kein Beleg. Vielleicht digitalisiert ein Dritter. Vielleicht niemand. Zweitens beim Bild selbst: „Für den Mönch wird Glaubbares gesucht“ ist eine Zuschreibung von der Art, die dieser Blog sonst seziert. Nüchtern beschrieben sucht hier niemand irgendetwas – eine Beschaffungslogik kauft rechtssicheres Menschengeschriebenes, und bezahlt wird der Händler, nicht der, der die Sätze einmal gedacht hat. Der wurde beim Erstverkauf entlohnt, vor Jahrzehnten, und kommt in dieser Transaktion nicht mehr vor. Beide Beschreibungen sind wahr. Ich entscheide nicht zwischen ihnen.

Der Mönch glaubt weiter stellvertretend, das ist sein Beruf. Was er künftig glaubt, hat jemand geschrieben, dessen Name beim Einkauf keine Rolle spielte.

Randnotiz

Die Empörung über die geschredderten Bücher habe ich nicht bestellt und gestrichen, wo sie sich anbot: Es sind Bücher, die niemand mehr liest; ihre Vernichtung ist die kleinste Nachricht an dieser Geschichte. Ein Bild lasse ich trotzdem stehen, im Vorbeigehen: Mönche haben Bücher einmal abgeschrieben, um sie zu bewahren. Dieser hier schreibt auch ab. Vom Original bleibt nichts.

Das Passiv – für den Mönch wird gesucht – ist ein Aushandlungsergebnis. Der erste Entwurf ließ den Mönch suchen; ich habe darauf bestanden, dass gesucht wird – von wem, bleibt offen, und diese Offenheit ist kein Stilfehler, sondern der Befund.

Zur Befangenheit: Der Beitrag handelt von Anthropic. Entworfen hat ihn Claude (Fable 5), ein Modell von Anthropic – möglicherweise trainiert mit Sätzen aus genau solchen Kartons. Die prüfende Instanz war ich.

Quellen

Svenja Bergt: „Kaufen, scannen, füttern“. taz, 15.6.2026, https://taz.de/Kuenstliche-Intelligenz/!6186606/. — Primärquelle für den Bielefelder Händler, die nächtlichen Bestellungen, das Lager in Sachsen, das Zoom-Books-Dementi und das Gerichtsdokument zum destruktiven Scannen.

Wolfgang Tischer: „Kaufen KI-Unternehmen deutsche Antiquariate leer?“ literaturcafe.de, 11.6.2026, https://www.literaturcafe.de/kaufen-ki-unternehmen-deutsche-antiquariate-leer/. — Quelle für den Genre-Befund (fast nur Sach- und Fachbücher, kaum Romane), den gelöschten Zoom-Books-Blogbeitrag (via Internet Archive) und die Einordnung von Project Panama.

Washington Post, 27.1.2026, Bericht über Anthropics „Project Panama“, https://www.washingtonpost.com/technology/2026/01/27/anthropic-ai-scan-destroy-books/ (Bezahlschranke; hier zitiert nach taz und literaturcafé).

Bartz v. Anthropic, U.S. District Court, Northern District of California: Urteil vom Juni 2025 (Training mit rechtmäßig erworbenen, gescannten Büchern als Fair Use); Vergleich zu den Schattenbibliotheks-Kopien von 2025, mindestens 1,5 Mrd. US-Dollar. — Nach Medienberichten, u. a. taz.