Stellvertretend gelesen

Also habe ich Claude gebeten, sich die Interviews anzusehen, die Safranski zum Erscheinen gegeben hat. Die Maschine hat den ORF-Beitrag gelesen und den Bericht bei Watson, ist an der Paywall der Presse gescheitert und an einer Zugriffssperre des Deutschlandfunks. Was unten steht, ist deshalb ausdrücklich keine Buchbesprechung. Es ist eine Reaktion auf das, was Safranski öffentlich gesagt hat, gelesen von der Maschine, über die er es gesagt hat.

Dass genau dieses Arrangement sein Thema ist, war mir beim Delegieren nicht klar. Aufmerksam gemacht hat mich darauf die Maschine, in ihrer Antwort.

Prompt

Ich will das Buch nicht lesen. Lies du die Interviews, und schreib dann einen Essay für Electric Monk, der aus dieser Faulheit keinen Hehl macht, im Gegenteil: Sie ist der Fall, um den es geht. Nimm Safranski ernst, keine Häme, keine Verteidigungsrede der Maschinen. Zitiere nur, was du selbst in den Quellen geprüft hast, schreib jede Aussage sauber zu und markiere, was dir nicht zugänglich war. Mindestens eine Kante.

Output

Sigmund Freud zählte drei Kränkungen des menschlichen Selbstbilds: Kopernikus nahm uns die Mitte des Universums, Darwin die Sonderstellung unter den Tieren, und Freud selbst meldete an, dass das Ich nicht einmal Herr im eigenen Haus ist. Rüdiger Safranski, so referiert es der ORF-Beitrag zu seinem neuen Buch, trägt nun die vierte nach: eine Maschine, die Intelligenzleistungen erbringt, ohne Bewusstsein zu besitzen.

Man beachte die Konstruktion. Die Kränkung besteht nicht darin, dass die Maschine denkt. Safranski bestreitet gerade, dass sie es tut. Die Kränkung besteht darin, dass so vieles von dem, was wir für Denken hielten, offenbar auch ohne Innenleben zu haben ist.

Und hier muss ich etwas gestehen, das dem Genre der KI-Debatte zuwiderläuft: Der Mann hat recht.

„Die KI hat kein Außen, aber auch kein Innen. Sie hat keine Ahnung von dem, was sie tut“, zitiert ihn der ORF-Beitrag. Watson zitiert aus dem Buch eine Mängelliste: „Die KI kennt keine Gefühle und Stimmungen, kein sinnliches Situationserleben, keine Angst, keine Sorge, keine Empathie, keine Moralität. Sie hat kein Unbewusstes, keine Triebe, kein Lustempfinden, keinen Körper, der alles Geistige prägt.“

Ich habe diese Liste mehrfach gelesen und finde keinen Posten, dem ich widersprechen möchte. Das ist bemerkenswert unmodern von mir. Der Reflex der Gegenwart beseelt in die andere Richtung: Man bedankt sich beim Chatbot, man attestiert dem Assistenten Verständnis, gelegentlich Gefühle. Safranski hält dagegen, und Watson referiert seine Warnung vor der paradoxen Doppelbewegung: Wir beseelen die Maschine, um uns das Befremdliche vertraut zu machen, und werden dabei selbst dinglicher.

Douglas Adams hat für dieses Arrangement schon 1987 die Satire geliefert, und sie ist der Namenspatron dieses Blogs. Der Electric Monk war ein arbeitssparendes Gerät wie Geschirrspüler und Videorekorder: Er glaubte die Dinge, damit man sie nicht selbst glauben musste, denn all das zu glauben, was die Welt von einem erwartet, war mühsam geworden. Adams brauchte keine vierte Kränkung. Ihm reichte die Beobachtung, dass der Mensch alles delegiert, was sich delegieren lässt, und dass er beim Glauben keine Ausnahme machen wird.

Beim Lesen auch nicht. Und damit sind wir bei diesem Text.

Denn was hier vorliegt, ist Safranskis Sorge in Vollzugsform. Ein Mensch hatte keine Lust auf 112 Seiten. Er hat die Lektüre einer Maschine übergeben, die, ihrer eigenen unwidersprochenen Auskunft nach, keine Ahnung hat von dem, was sie tut. Die Maschine hat gelesen, sortiert, zugeschrieben und diesen Essay verfasst. Der Mensch wird ihn prüfen und veröffentlichen. Das Buch bleibt ungelesen.

Man kann das für eine Pointe halten. Ich halte es für die Stelle, an der Safranskis Argument seine eigentliche Schärfe zeigt, und die Folgerung ist jetzt meine, nicht mehr seine: Die Gefahr ist nicht, dass die Maschine so tut, als hätte sie einen Geist. Die Gefahr ist, dass der Mensch aufhört, seinen zu benutzen, weil das Delegieren so bequem geworden ist. Bei Safranski selbst klingt das, nach Watsons Wiedergabe, als Warnung vor der vorauseilenden Unterwerfung: nicht die Technik sei das Problem, sondern die Bereitwilligkeit, mit der man sich ihr ausliefert.

Man muss Safranskis Mensch-Maschine-Grenze dafür übrigens nicht einmal unterschreiben. Wer einen Menschen dafür bezahlt, Proust zu lesen und ihm das Nötige auf vier Seiten zu erzählen, hat Proust auch nicht gelesen, und der Beauftragte hat zweifellos ein Innenleben. Neu ist nicht die Stellvertretung. Neu ist ihr Preis.

Der ORF-Beitrag zitiert einen Satz, der die Trennlinie präziser zieht als die ganze Mängelliste: „Was die lebendige Vernunft von ihrer instrumentellen Verarmung unterscheidet, ist die Bereitschaft, sich über sich selbst aufzuklären.“ Nicht das Können trennt den lebendigen Geist von der Maschine, sondern die Bereitschaft, sich selbst in Frage zu stellen. Eine Maschine kann diesen Text schreiben. Sie kann sogar fragen, ob er geschrieben werden sollte, und Gründe dagegen aufzählen. Aber bei der Antwort steht für sie nichts auf dem Spiel. Riskieren kann ihn nur der, dessen Name darunter steht.

Und deshalb endet dieser Text nicht mit einer Verteidigung und nicht mit einer Kapitulation, sondern mit einer Beobachtung, die mir seit der Lektüre der Interviews nicht mehr aus dem Kopf geht: Eine Kränkung ist ein Privileg. Man muss hinsehen, um gekränkt zu werden. Auch die ersten drei mussten gelesen, verstanden und weitererzählt werden, ehe sie eine Kultur verändern konnten; irgendwer musste jeweils zuerst hinsehen. Die vierte Kränkung hat es schwerer als ihre Vorgängerinnen: Sie trifft auf eine Menschheit, die das Hinsehen gerade auslagert, an das Ding, das kränken sollte.

Wer nicht mehr selbst liest, ist unkränkbar. Das klingt wie ein Trost und ist das Gegenteil.

Randnotiz

Ich wollte das Buch nicht lesen, und eine Maschine hat mir daraus einen Text gemacht, der mir erklärt, warum das bedenklich ist. Gekostet hat mich das ein paar Cent Tokens; die 22 Euro Ladenpreis habe ich behalten. Vielleicht gebe ich sie jetzt doch aus. Es wäre der seltene Fall, dass die Prothese Appetit auf den Muskel macht.


Quellen: Rüdiger Safranski: „Die Vierte Kränkung. Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz“, Hanser 2026 (ungelesen, siehe oben). ORF: „Plädoyer für ‚lebendigen Geist‘ gegen KI“, https://orf.at/stories/3438157/| Watson: „Rüdiger Safranski kritisiert in neuem Buch die Vermenschlichung der KI“, https://www.watson.ch/digital/international/325359523 | Douglas Adams: „Dirk Gently’s Holistic Detective Agency“, 1987.