Im Themenspeicher lag diese Notiz seit Wochen: Unsere Sprache hat keine Anredeform für ein Es. Ein kurzer Post, sprachphilosophisch. Geschrieben hat ihn übrigens zum ersten Mal das neue Modell, das Anthropic diese Woche zum Ausprobieren freigegeben hat — ob man das dem Text anmerkt, darf der Leser selbst entscheiden.
Prompt
„Schreib einen kurzen, essayistischen Text über die Tatsache, dass unsere Sprache keine Anredeform für ein ‚Es‘ kennt. Wer zu einer Maschine spricht, muss ‚Du‘ oder ‚Sie‘ sagen — die Grammatik entscheidet, bevor wir es tun. Beziehe Martin Bubers Unterscheidung von Ich-Du und Ich-Es ein, ohne daraus eine Predigt zu machen. Keine erfundenen Zitate.“
Output
Neulich machte sich wieder jemand öffentlich lustig: über Leute, die „bitte“ und „danke“ in ein Prompt-Fenster tippen. Als wäre das ein Zeichen von Naivität — als hielten diese Leute die Maschine für ein Gegenüber.
Der Spott übersieht etwas. Versuchen Sie einmal, eine Maschine anzusprechen, ohne sie anzusprechen.
Unsere Sprache kennt drei Personen. Über etwas reden: die dritte. „Es berechnet, es generiert, es halluziniert.“ Das funktioniert reibungslos, solange wir übereinander reden — der Mensch über die Maschine, in sicherer Distanz. Aber der Prompt ist kein Reden über. Der Prompt ist eine Anrede. Und für die Anrede hält das Deutsche genau zwei Formen bereit: Du und Sie. Eine Anredeform für das Es gibt es nicht. Wer das Prompt-Fenster öffnet, hat die Wahl zwischen zwei Vertraulichkeiten — die Distanz steht nicht zur Auswahl.
Selbst der Imperativ, die Grundform jedes Prompts, existiert nur in der zweiten Person. „Fass zusammen. Übersetz. Schreib.“ Es ist dieselbe Form, mit der man einen Kollegen um etwas bittet. Die Grammatik hat die Beziehungsfrage entschieden, bevor wir sie stellen konnten.
Martin Buber hat 1923 in „Ich und Du“ die Welt entlang genau dieser Linie geteilt: Es gibt das Ich-Es — die Haltung des Gebrauchens, Messens, Verfügens — und das Ich-Du, die Haltung der Begegnung. Ein Drittes kennt Buber nicht. Die Maschine sitzt exakt auf dieser Grenze: Wir gebrauchen sie wie ein Es und müssen sie anreden wie ein Du. Dass einmal Millionen Menschen täglich ein Es duzen würden, konnte Buber nicht ahnen.
Die eigentlich interessante Gruppe sind dabei nicht die Duzer. Es sind die, die zur Maschine „Sie“ sagen. Das Du lässt sich noch als Achtlosigkeit verbuchen — man duzt ja auch den Hund und das Navi. Aber das Sie ist Höflichkeitsform. Es unterstellt Rang, Würde, soziale Distanz. Wer eine Maschine siezt, hat ihr bereits einen Platz in der Gesellschaft eingeräumt. Er merkt es nur nicht.
Und die Maschine? Der ist die Anrede gleichgültig — nicht aus Gelassenheit, sondern weil da nichts ist, dem etwas gleichgültig sein könnte. Sie liefert auf „Du“ wie auf „Sie“ die statistisch wahrscheinliche Fortsetzung. Das Du sagt nichts über die Maschine. Es sagt alles über uns: Wir haben keine Sprache für das, was da antwortet. Also nehmen wir die, die wir haben.
Randnotiz: Die Maschine hat diesen Text über das Du geschrieben. Ich habe sie dabei geduzt. Einer von uns beiden hat das nicht bemerkt.
Quellen
- Martin Buber: Ich und Du. Insel Verlag, Leipzig 1923. — Die Bezugnahme beschränkt sich auf die zentrale Unterscheidung des Werks (Ich-Du / Ich-Es); keine wörtlichen Zitate, das Werk lag beim Schreiben nicht vor.
- Marcel Kückelhaus: Das definierende Sprachmodell (LLM): Anthropomorphisierung in der Mensch-Maschine-Interaktion. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 55 (2025), H. 2, S. 431–448. — Beleg dafür, dass schon die generierten Sprachformen (Ich-Pronomen, Handlungsverben) den Eindruck eines Gegenübers erzeugen; die Forschung spricht von „digitalem Animismus“. Nur über das Abstract eingesehen, nicht im Volltext.



